Jin, Jîyan, Azadi

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Vor 13 Monaten, am 13. September 2022 wurde Jina Amini aufgrund eines vermeintlich unsittlich getragenen Hijabs von der Sittenpolizei der Islamischen Republik Irans so brutal körperlich misshandelt, dass sie für einige Tage ins Koma fiel und am 16. September 2022 ihren massiven Verletzungen erlag.  

Jina war Kurdin. Jina war jung. Jina identifizierte sich als weibliche Person und wurde auch als solche gelesen. Jinas Eltern gehörten der Arbeiter*innenklasse an. Jina war mit ihrer Familie aus Saqqez zu Besuch in der Hauptstadt und starb auch dort, kurz vor ihrem 22. Geburtstag.  
Jina bedeutet Leben auf kurdisch. Ein Leben in einem unterdrückten Iran, welches für Jina, die mehrdimensional von Unterdrückung betroffen war, systemisch nochmal erschwert war. Selbst ein Leben das Leben heißt verliert seine Bedeutung im patriarchalen-diktatorischen System. 
In den sozialen Medien kursierten nach Jinas Tod Videos, die sie lachend und befreit beim Tanzen aufzeichneten, gefolgt von Bildern, die sie an Schläuchen und ihre Eltern weinend auf dem Krankenhausflur zeigten. Die Schläge auf Jinas Kopf waren so stark, dass die Schläge ihres Herzens kapitulierten.  

Mit dem Mord an Jina begann zeitgleich die feministisch initiierte Revolution im ganzen Land, samt aller multi-ethnisch-diversen Provinzen – mit einem großen Support der gesamten Diaspora. Im Land protestierten Menschen of all genders und no genders, aller Ethnien, Klassen, Glaubensrichtungen und allen Alters gegen das Mullah-Regime und für die Befreiung der Frau. Unter Jin, Jîyan, Azadi, der kurdischen Befreiungsparole im Kampf gegen den IS-Terror, zu deutsch: Frau, Leben, Freiheit und auf farsi übersetzt: Zan, Zendegi, Azadi, kämpften Menschen für die Freiheit aller Unterdrückten. Für die Freiheit all jener Menschen, die sich gegen das autokratische Regime positionieren. Das Wort Frau vor Leben und Freiheit meint in diesem Kontext nicht nur Frauen. Es meint alle systematisch unterdrückten Menschen. Also auch nicht-binäre Menschen, ethnische und religiöse Minderheiten uvm. – grundsätzlich alle, die von der Gewalt des Regimes betroffen sind. Somit alle, die nicht Teil des Regimes sind, also die Mehrheit der Menschen im Land.  

Nach Jina wurden viele hunderte weitere Menschen ermordet (die Dunkelziffer ist weitaus höher), über 20-Tausende in Gefängnissen gefoltert, Schüler*innen und Student*innen vergiftet und Provinzen militärisch besetzt. 
Was unterscheidet diese Revolution von den anderen unzähligen Bewegungen im Land in den letzten 44 Jahren seit der Übernahme der Mullahs? Diese Revolution ist intersektional. Diese Revolution reicht von den Dächern der Großstädte bis zu den Bergen. Diese Revolution vereint alle Vielfalt und alle Kämpfe, die innerhalb des Landes existieren: 
Sie ist Kurdistan, Belutschistan, Luristan und alle Provinzen. Sie ist Teheran, Isfahan, Ahwas und alle Großstädte. Sie ist multi-ethnisch. Sie ist gebildet. Sie kann sich Bildung nicht leisten. Sie ist jung. Sie ist alt. Sie ist weiblich. Sie ist männlich. Sie ist nicht-binär. Sie ist queer. Sie ist ein Leben lang misgendert. Sie ist ein Leben lang missverstanden. Sie ist ein Leben lang nicht wirklich leben können. Sie ist ein Leben lang nicht die, die wir lieben, lieben können. Sie ist satt. Sie hungert. Sie ist es satt, zu hungern. Sie begibt sich in den Hungerstreik. Sie ist stark wie die Berge und wütend, wie das Meer der unterdrückten Jugend. Sie ist die Tränen aller Eltern, deren Kinder protestieren gehen und danach nicht mehr nach Hause kommen. Sie ist die Tränen all jener Menschen, die keine Menschen mehr um sich haben, die Tränen um sie vergießen können. Sie ist das Gefühl von 44 Jahren Dunkelheit und der erste Sonnenaufgang danach. Sie ist die Hoffnungslosigkeit kurz vorm Galgen und die Hoffnung in Isolationshaft. Sie ist das in Schwarz gerahmte Bild. Sie ist der Regenbogen.   Sie ist im Land und hier im Exil. Sie fordert Konsequenzen für das Regime und Sanktionen, die über die üblichen Floskeln hinausgehen. Sie braucht Solidarität. Sie ist Jinas Todestag im letzten September und Jinas Jahrestag in diesem. Sie kämpft für Jin, Jîyan, Azadi. Sie kämpft so lange, wie nötig und leistet Widerstand auf die vielfältigste Art und Weise.     

Sie muss und wird so lange existieren, bis Bilder von glücklichen Momenten, nicht mehr mit trauriger Musik unterlegt sind.

Von Ramona

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