#supportyourDIYvenue Soli-Aktion für DIY-Punkstrukturen in Zeiten von Covid-19

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Corona. Als ich das erste Mal von Corona gehört habe, schien das alles noch sehr weit weg. Im Leben hätte ich nicht daran gedacht, dass dieses Virus unsere jüngste Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere unmittelbare Zukunft so sehr prägen wird.

Was zuerst so schien, als handele es sich dabei um eine Globalisierungs-Wohlstandsinfektion, die vor allem weiße machtvolle Cis-Männer befällt, zeigte sich leider in der Weiterführung von der bitteren Seite, dass – wie es im Kapitalismus eigentlich immer der Fall ist – die schlimmsten Konsequenzen der globale Süden zu tragen hat.
 Eine meiner ersten bewusst wahrgenommenen Gefühle in Bezug auf die Pandemie und deren Konsequenzen waren: Ohnmacht und Abgeschiedenheit. Schnell wurden „Home-Office“ und „Videokonferenz“ zu meinen Unwörtern des Jahres.
 Auf der individuellen Ebene trafen mich die Corona-Bestimmungen in erster Linie vor allem durch den Lock-Down sowie Physical/Social Distance. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene beobachtete ich resigniert den fehlenden Aufschrei innerhalb der radikalen Linken in Bezug auf die drastischen Einschränkungen grundlegender Bürger*innen- und Freiheitsrechte. Strukturell bedeutsam waren vielmehr Fragen nach so genannter Systemrelevanz, die es bei aller Kritik allerdings schafften, eine feministische Perspektive auf den Umgang mit Care-Arbeit und dessen gesellschaftlichen Stellenwert zu schärfen. Letztendlich wurde aber insgesamt die soziale Ungleichheit durch Corona nur noch verstärkt. 
 Doch was bedeutet Systemrelevanz im Hinblick auf bezahlte, aber auch unbezahlte Care- und Pflegetätigkeiten? Was bedeutet soziale Ungleichheit, wenn Home Office nur einer bevorteilten Gruppe zur Verfügung steht? Wer übernimmt  die Sorge-Arbeit? Und wer zahlt für die ökonomische Krise?
 Und was bedeutet all dies in letzter Konsequenz auch (und nicht nur wirtschaftlich, sondern eben auch in ihrer materialistischen Folge) für marginalisierte Strukturen und Personenkreise?  

Die Frage, die sich mir gestellt hat war nicht, ob es sinnvoll ist, deine eigenen Leute nicht mehr zu treffen, sondern: „Wie lange hältst du das durch?“
 Ich machte mir Sorgen, inwieweit die Corona-Bestimmungen soziale Netzwerke zersetzen können. Ich habe mich gefragt, welche Konsequenzen auf uns und unsere solidarischen Zusammenhänge zukommen und wie wir bereits zu einem frühen Zeitpunkt zu einer Art Harm Reduction beitragen und unser gemeinsames Fundament dennoch stabil halten können. Wie lassen sich  Solidarität und Kollektivität als Grundsteine linker Politik in Zeiten des Lock Downs konstruktiv und produktiv beibehalten?

Touren sind ausgefallen, Konzerte wurden bis auf weiteres abgesagt, Mieten fehlen. Individuell zunächst verschmerzbar, auf lange Sicht und strukturell nicht ganz unproblematisch und mit Aussicht auf das, was die Konsequenz daraus ist, sogar sorgenvoll.
 Ich stieß in den Sozialen Medien auf den Hilferuf eines Freundes aus Belarus und mir wurde plötzlich klar: Fuck! Wenn selbstverwaltete Orte keine Veranstaltungen mehr machen dürfen, dann können sie ihre Fixkosten auch nicht decken und das heißt auf lange Sicht, wir verlieren all unsere DIY-Szene-Strukturen! 

Was bedeutet dies für selbstverwaltete und unkommerzielle DIY-Zusammenhänge und den Fortbestand ihrer wichtigen Szene-Orte als Ankerpunkte sozialer, subkultureller und politischer Vernetzung und Auseinandersetzung? Was bedeutet ein Wegfall dieser Strukturen für nachfolgende Generationen? Was passiert in den Städten, aber vor allem auch im ländlichen Raum und der Peripherie mit jenen Orten, die wesentlich zur politischen Sozialisation beitragen? Und was bedeutet das vor allem für andere Länder, wo einzelne DIY-Venues den Bestand einer ganzen linken und musikaffinen Szene sichern? Brechen Strukturen und autonome Zusammenhänge auseinander, wenn es keine Orte kollektiven und gemeinschaftlichen Wirkens mehr gibt?
 Schließlich auch: Was bedeutet es für Bands weltweit, die nicht wissen, wann sie wieder Konzerte spielen können und für die „Auf-Tour-gehen“ eine wichtige und oft die einzige Möglichkeit der internationalen Vernetzung und des solidarischen Austauschs darstellt?
 Was bedeutet das für uns alle, wenn wir nicht den Fortbestand dieser unserer Strukturen sichern?

Von welcher Szene spreche ich, die mir so leidenschaftliche am Herzen liegt? Von der politischen, progressiven und emanzipatorischen Punk/HC-Szene. Eine Szene, die ganz und gar nicht homogen ist und in der es immer noch und immer wieder viele schwierige Auseinandersetzungen zu Themen wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Klassismus gibt. Wo es sich aber dennoch lohnt, vermeintliche Gegebenheiten immer wieder radikal in Frage zu stellen, emanzipatorische Diskurse anzustoßen, dran zu bleiben und für ein solidarisches Miteinander zu kämpfen. Punk war schon immer und ist es für mich auch heute noch mehr als eine bloße Reduzierung auf Musik. Die DIY-Punkszene ist für viele ein Ort politischer Auseinandersetzungen, die einen Gegenentwurf darstellen kann zu autoritären, staatshörigen und patriarchalen Gesellschaftsentwürfen – ein Ort sich Schutzräume zu erschaffen, sich auszuleben, zu organisieren und zu verbinden, sich auszuprobieren und mit den eigenen Schrulligkeiten angenommen und gewertschätzt zu werden – ja, eine Art Rückhalt und soziale Wahlfamilie zu sein. Und da gehört es dazu, füreinander Verantwortung zu übernehmen. Ob in Schland, Belarus oder Kolumbien – WE ARE FAMILY!
 Wir müssen unsere Strukturen supporten und erhalten.

Und so kam die Idee einer solidarischen Aktion auf, die vor allem Kohle generieren soll, die dann an Läden geht, die ökonomisch besonders hart von Maßnahmen in Folge der Pandemie betroffen sind.
 Es ist zwar keine besonders innovative Idee, aber sie fiel offensichtlich zusammen mit dem richtigen Zeitpunkt und wurde so ein Erfolg. Wir haben befreundete DIY-Punk-Bands, mit denen wir sonst oft die Bühne teilen, gefragt, ob sie für die Soli-Aktion ein Shirt-Motiv zur Verfügung stellen, das wir im Anschluss drucken und über einen Onlineshop verkaufen würden. Unser Ziel war es so den Szene-Strukturen, ohne die wir als Band nicht existieren könnten, etwas zurück zu geben um diese wiederum durch die finanziellen Schwierigkeiten der Corona-Krise zu kriegen! Die Aktion wurde zum Selbstläufer, extrem viele weitere Bands schlossen sich an. Deshalb geht der Großteil der Einnahmen direkt an uns liebgewonnene Läden und Venues wie z.B. das Alhambra in Oldenburg. Die Aktion geht noch bis zum 11. Juli; den Shop findet ihr unter:
 https://diy-venue.myshopify.com/

Spread the Word! Tell your Friends and Familes.
 Der Countdown zum Shop-Closing läuft!
 Be part of the Scene!
 Stay Rebel – Stay Safe!

Wir als Band FINISTERRE stellen selbst einen Teil dieser Szene-Strukturen: Hütte nimmt (zwar noch in kleinem Rahmen) Bands auf, Philipp bringt Platten raus (Contraszt! rec. – Label/Mailorder), Lukas druckt den Merch (Pressure&Ink Printing). Ich erfülle meine Funktion vor allem in feministischer Vernetzung innerhalb dieser Strukturen. Wir alle kamen über unsere Leidenschaft zu Punk/HC dazu, selbst Konzerte zu veranstalten und Orte zu erschaffen, in denen es möglich war und ist, reflektiert und mit politischem Anspruch zu einer gewissen Haltung innerhalb der Szene beizutragen.

Wir bedanken uns an dieser Stelle auch hier unseren Senf beitragen zu dürfen!

AMORE//ANARCHIA

von Manuela/Finisterre